Interviewreihe: Frauen in Unternehmen

Interview mit Jutta Zwick, Porsche AG Weissach

Heute haben wir wieder ein tolles Interview! Wir haben mit der Leiterin der Abteilung Entwicklungslogistik und Qualität des Porsche Entwicklungszentrums in Weissach gesprochen. Frau Zwick nimmt Stellung zur Genderfrage im Topmanagement des Automobilkonzerns und verrät uns, auf was es bei Frauen ankommt, die eine Führungsposition anstreben.

Liebe Frau Zwick, bitte stellen Sie sich kurz vor.

Sehr gerne. In meinen mehr als 25 Jahren im VW Konzern habe ich für drei Marken an vier Standorten in fünf unterschiedlichen Jobfamilien gearbeitet – und das entweder im Produktions- oder Entwicklungsressort. Seit fast vier Jahren leite ich im Porsche Entwicklungszentrum Weissach die Abteilung Entwicklungslogistik und Qualität. Ich habe mich über den zweiten Bildungsweg entwickelt und Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Vielfalt und Diversity habe ich früh schätzen gelernt. Schon während des Studiums hatte ich mehrere Aufenthalte im Ausland. Auch beruflich habe ich andere Kulturkreise kennen und schätzen gelernt und überfachliche Erfahrungen gesammelt, etwa in Ungarn, Tschechien, China oder Mexico.

In der Automobilbranche sitzen überwiegend Männer in den Chefetagen. Welche Möglichkeiten sehen Sie, dies zu ändern? Gibt es bei Porsche spezielle Programme für Frauen?

Auch wenn der reine Zahlenvergleich auffällig ist, geht es aus meiner Sicht nicht in erster Linie um die Genderfrage in den Führungsebenen. Es geht ganz generell um Vielfalt und Diversity bei Denkansätzen und Herangehensweisen. Insofern sollten aus meiner Sicht vor allem jene Menschen führen, die in der Lage sind, diese Vielfältigkeit in ihren Teams zu fördern, um die besten Ergebnisse zu erreichen.

Warum so wenige Frauen unter diesen Menschen sind, liegt aus meiner Beobachtung oft an systembedingten Umständen, welche die Entwicklung der Frauen bremsen. Das geht von der richtigen Studienwahl bis hin zu soziokulturellen Rollenmustern. Grundlage des Erfolgs ist meiner Meinung nach das richtige Mind-Set: Kann und will ich es schaffen und traue ich mir das zu? Kluge Menschen haben Veränderungen immer umsetzen können und etwas bewirkt. Es wird auch weiterhin gelingen, wenn wir alle die Gleichberechtigung als Ziel annehmen und zusammen dafür eintreten.

Auch bei Porsche geht es in erster Linie um Perspektivenvielfalt in all seinen Dimensionen und nicht vorrangig um die Frage des Geschlechts. Dennoch ist die chancengleiche Entwicklung von Frauen ein Schwerpunktthema und es gibt eine Reihe von Angeboten, deren Aufzählung hier aber den Rahmen sprengen würde.

Sie sind Abteilungsleiterin eines 180-köpfigen Teams und erfolgreich in Ihrem Job. Was raten Sie Frauen, die eine Führungsposition anstreben? Welche Soft Skills sind heute besonders wichtig?

Die Basis ist der Gestaltungswille im eigenen Tätigkeitsfeld. Wichtig ist es auch, vernetzt zu denken und zu agieren. Also Verbesserungen anzustreben, die ĂĽber den Tellerrand hinausgehen. Wer sich in eine FĂĽhrungsrolle entwickeln will, muss fĂĽr sich beantworten, was sie oder er im Beruf erreichen will und dies gegenĂĽber den Vorgesetzten artikulieren. Es ist wichtig zu verstehen, was das GegenĂĽber antreibt oder was seine GrĂĽnde fĂĽr eine ablehnende Haltung sind. Hilfreich ist sicher auch „ĂĽber Bande spielen“ zu können und Szenarien vorzudenken. Manchmal ist es auch unabdingbar zu erkennen, wo man sich einen Schuh nicht anziehen muss. Sehr wichtig sind die Soft Skills, die helfen, Ideen an den „Mann“ zu bringen.


© Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V

Liebe Frau Dr. Böhrk, bitte stellen Sie sich kurz vor.
Ich bin promovierte Ingenieurin der Luft- und Raumfahrttechnik und arbeite seit fast 15 Jahren am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) an Material- und Strukturfragestellungen für Raumfluggeräte. Dort forsche und entwickle ich als stellvertretende Abteilungsleiterin mit einer kleinen Gruppe an Thermalschutzkonzepten und neuartigen Materialanalysen für Raumfahrzeuge.  Und tatsächlich gehören auch spannende experimentelle Raumflüge in mein Repertoire.

Mit meinem Mann, meiner siebenjährigen Tochter und meinem dreijährigen Sohn lebe ich inmitten von Stuttgart. Als engagierte Wissenschaftlerin erlebe ich, dass in meinem Arbeitsumfeld wirklich wenig Frauen tätig sind (<15%) und das klassische Modell – er verdient die Brötchen, sie kĂĽmmert sich um die Kinder und den KĂĽhlschrank – quasi der Normalfall ist. Hier muss dringend modernisiert werden! Wie zeitgemäß Rollenverteilung heute funktioniert, sehe ich oft in meinem Bekannten- und Freundeskreis – ich lerne immer noch dazu!

Wie gestaltet sich aus Ihrer Sicht die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Hochschul- bzw. Forschungssektor?
Seit gut sechs Jahren bin ich auch nicht mehr nur die einzige Frau in meiner zwanzigköpfigen Abteilung. Ich unterscheide zwischen Kompatibilität und Karrierechancen. Als Angestellte des Bundes an einer außeruniversitären Forschungseinrichtung, gibt es gute Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Gerade jetzt, in Zeiten der Corona-Pandemie, hat der Bund für Eltern von Kindern unter 12 Jahren zusätzliche Urlaubstage gewährt. Das ist wirklich super!

Es gibt zudem schon lange flexible Arbeitszeitmodelle. Diese erlauben, sowohl in Telearbeit, also außerhalb des Büros zu arbeiten, aber auch, die Arbeitszeit für vorher bestimmte Zeiträume zu reduzieren und diese später dann garantiert wieder aufzustocken.

Dass es diese Regelungen gibt, heißt aber nicht immer, dass die Anträge auch genehmigt werden. Die (zumeist männlichen) Vorgesetzten stehen der Telearbeit oft skeptisch gegenüber. Dank Corona wird die Praxis des mobilen Arbeitens jetzt aber doch gelebt und gerade Eltern profitieren von der umgesetzten Flexibilisierung. Wir werden sehen ob Frauen auf lange Sicht davon profitieren können.

Der Frauenanteil in der Professorenschaft ist nach wie vor gering. Wie könnten mehr Professuren von Frauen besetzt werden?
Wie wir gerade erleben, kann man dieses Problem leider nicht nur einfach durch Regelungen ausgleichen. Ich glaube, es gibt nach wie vor viele bewusste und sehr antiquierte Denkmuster in den Köpfen – aber auch unbewusste. Meine Vermutung ist, dass in den starken, nahezu starren Hierarchien der Universitäten unweigerlich nach Persönlichkeit und »Passfähigkeit« zur bestehenden Fakultät ausgewählt und auch herangezogen wird. Da entsteht leicht das immer gleiche Muster.

Quoten sollen ja diese Systeme stören und die Auswahlmuster aufbrechen. Dann gibt es natürlich Programme, die sich bereits an die vom »Netzwerk« ausgeschlossenen Frauen richten. Aber sicher könnten (verpflichtende) Schulungsprogramme den Kommissionsmitgliedern helfen, sich aus unbewussten Denkmustern zu befreien. Auch ein »sich Auseinandersetzen müssen« mit diversen Menschen, beispielsweise im Rahmen eines Mentoringprogramms, kann Vielfalt in Auswahlentscheidungen begünstigen. Das wird durch Studien belegt.

Interview mit Franziska Richter, Human Resources, SSC-Services GmbH

Immer wieder gehen wir ins Gespräch mit Frauen in Führungspositionen in unterschiedlichen Unternehmen verschiedenster Branchen. Wir stellen ihnen immer drei Fragen. Diese beschäftigen sich insbesondere mit der Frage „Rolle der Frau“ im jeweiligen Unternehmen. Wir starten diese Reihe mit Franziska Richter, Human Resources, SSC-Services GmbH, Böblingen (IT-Dienstleister).

Liebe Frau Richter, bitte stellen Sie sich kurz vor.
Vielen Dank zunächst noch mal für die Gelegenheit, Impulse zu geben! Ich arbeite seit etwas mehr als fünf Jahren im Bereich Personal bei einem Unternehmen in der IT-Branche. Ich habe in Bonn, Osaka und Tübingen studiert und meinen Masterabschluss in der Empirischen Kulturwissenschaft erlangt. Dort habe ich viel darüber gelernt, wie Menschen in unserer Gesellschaft miteinander kooperieren und unser Zusammenleben funktioniert.
Sie arbeiten bei einem IT-Dienstleister im Bereich Human Resources. Erhalten Sie da auch viele Bewerbungen von Frauen?
Wir bekommen ungefähr gleich viele Bewerbungen von Frauen, wie insgesamt von anderen Gruppen. Es ist uns wichtig, attraktiv für möglichst jede*n zu sein, daher versuchen wir auch  unsere Text- und Bildansprache für vielfältige Menschen zu gestalten.
Was könnte MINT-Berufe für Frauen interessanter machen?
MINT-Berufe sind für jede*n interessant! Die Frage ist eher, wie man das Selbstvertrauen geben kann, sich in diesem Bereich auch eine Karriere aufzubauen. Ich habe das Gefühl, dass es hilfreich ist, wenn Menschen früh Berührungsängste abbauen, z.B. durch Spezialangebote an der Schule wie Schüler-Ingenieursakademien. Den wichtigsten Part spielen Eltern und Lehrer, die ihren Schützlingen zeigen können, wie wichtig MINT-Berufe für die Gestaltung unser aller Zukunft sind.