Im Gespräch mit der Soziologin Manuela Rukavina

© Duncan Smith

Stress ist etwas, was wir alle kennen und in der Regel nicht mögen. Was passiert denn bei Stress?
Unser Nervensystem fährt in einen sehr eingeschränkten Modus. Das führt auf der einen Seite dazu, dass wir kurz sehr leistungsstark sein können, um z.B. mal was durchzuziehen. Allerdings strengt es den Körper sehr an und unser Geist ist im Tunnel-Modus. Wir sehen nicht mehr, was links und rechts ist, wir machen immer das selbe (nämlich unsere eingefahrene Muster) und unsere Mitmenschen werden uns ziemlich egal.

Gleichzeitig ist Stress letztendlich das was passiert, wenn etwas in Gefahr ist, das mir wichtig ist. Das können meine inneren Werte, meine Mitmenschen, meine Zeit, meine Kompetenzen, meine Güter, meine Gesundheit und vieles mehr sein.

Sind Frauen besonders „stressanfällig“?
Frauen sind aus meiner Sicht mit zusätzlichen Formen von Stress belastet. Die imaginäre to-do-Liste haben fast ausschließlich Frauen im Kopf- sie sind meistens die Organisiererinnen in der Familie, im Team.

Gleichzeitig zeigt sich konstant und jetzt in der Pandemie verstärkt, dass Frauen mehr Rollen vereinbaren müssen als Männer- sie sind nach wie vor, diejenigen, die Beruf und Privatleben vereinbaren müssen. Ihre Männer haben es an der Stelle viel bequemer.

Was ist denn das Positive am Stress?
Er lässt uns wachsen. Ohne Stress, im Sinne von Herausforderung würden wir uns nie weiterentwickeln. Heftige Stress-Situationen sind unschön und kosten Kraft, aber selbst bei den großen Krisen, die man erlebt hat, kann man im Nachhinein mit Abstand sagen: das hat mich verändert, erfahrener und vielleicht auch stärker gemacht.